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«Kein Ding sieht so aus, wie es ist.» – Wilhelm Busch

Folgendes Thema wird von Journalisten seit geraumer Zeit immer wieder in ihren Artikeln behandelt: je mächtiger eine Institution oder die Personen, die dahinter stehen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass diese die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen (…müssen, wollen…). Und wenn, dann haben sie keine Konsequenzen oder zumindest nur geringe zu befürchten.

Machen wir doch einen kleinen Test: Wann haben Sie das letzte mal wirklich Verantwortung für Ihr Handeln übernommen? Mit welchen Konsequenzen hätten Sie rechnen müssen? Wurden diese auch umgesetzt? Mehr dazu später.

Kürzlich habe ich einen interessanten Beitrag über die Kunst des Lügens und die Kunst, Lügner zu enttarnen, verfolgt. Die Buchautorin, CEO eines Medienunternehmens (!) meinte während ihres Vortrages, mit der Zeit hätte sie gelernt, den Fokus weg von Lügnern (Anm.: lügen kann auch täuschen in diesem Fall bedeuten) und hin zu ehrlichen Mitmenschen zu bewegen. Das hätte ihr Leben drastisch und v.a. positiv verändert. Ihre These, dass Lügen ein Akt der Kooperation sei, hat mich auch nicht weiter erstaunt, denn wenn Menschen oder Organisationen täuschen wollen, dann nur, weil sie wissen, dass es auch andere gibt, die sich täuschen lassen. Ja, ohne Gegenüber würde es nicht funktionieren.

Jetzt mögen Sie sich fragen, ob das Getäuscht-Werden aktiv oder passiv erfolgt, aus Angst, Unwissenheit, Fahrlässigkeit oder Faulheit o.ä.? So wie es aussieht, sind alle Varianten möglich. Lügen und Täuschen ist evolutionsbiologisch für Lebensformen überlebensnotwendig. Die Natur hat auch Mechanismen entwickelt, dass der Getäuschte selten an der Täuschung zugrunde geht. Oder sind die Brüter von Kuckuckseier ausgestorben? Werden alle Kleinfische von Anglerfischen ausgerottet? Wenn es zum Vorteil des Täuschers ist, zu lügen, wird er (Anm.: er und sie) es immer tun. Manche Vögel täuschen vor, verletzt zu sein, nur um von der Brut abzulenken. Berühmt ist auch der weibliche Gorilla «Koko», der von Wissenschaftlern trainiert wurde, mit Gebärdensprache zu kommunizieren. Hier eine erheiternde und auch aus der Presse bekannte Anekdote über Koko: der Gorilla hatte auf die Frage hin, wer denn den Spültrog aus der Wand gerissen hätte, seinen Betreuern mitgeteilt, es war die Katze! Koko hatte sich eine Katze als Haustier gewünscht, die Koko aber auch pflegen musste. Nun, diese Katze wurde des Vandalismus bezichtigt.

Beim Homo Sapiens Sapiens hört aber der Spass m.E. auf. Der millionenschwere Ex-UBS Chef, der vor einem Gremium ein «mea culpa» ablegen muss und niemand ihm das wirklich abkauft.

copyright: IMF G-20 Summit in Pittsburgh
copyright: IMF G-20 Summit in Pittsburgh

Der Ex-IWF Direktor, gegen den trotz Indizien und Beweise (Anm.: Spermaspuren auf dem Teppich und auf dem «angeblichen» Opfer) die strafrechtliche Anklage fallen gelassen wurde. Er meinte in einem späteren Fernseh-Interview, er hätte «eine unangemessene Beziehung» zum mutmasslichen Opfer gehabt. Was zeigt uns das? Vorsätzlich oder nur bei Gelegenheit: Menschen tragen es in den Genen, zu lügen und zu täuschen. Denn DSK hätte auch während den Verhandlungen in New York dieselbe Aussage wie im späteren Interview machen können, oder?

Das System von Macht und Anhäufung von persönlichen Vorteilen kennt die Natur nicht. Sie reguliert auf wunderbare Art und Weise die Interaktion Täuscher-Getäuschter. Nur beim Menschen scheint diese natürliche Regulierung nicht mehr funktionieren zu wollen, weil m.E. das natürliche System von einem künstlichen, Macht getriebenen System ausgehebelt wurde.

Zurück also zur Frage «ist Verantwortung übernehmen, ohne mit Konsequenzen bei Scheitern rechnen zu müssen, echte Übernahme von Verantwortung?»

Letztes Jahr hatte ich zum Thema «Aufgaben, Kompetenzen, Verantwortung» eine Umfrage konzipiert, um das Verhältnis zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer zu analysieren. Ich beschäftigte mich immer wieder mit der Frage, wieso der Stimmungsthermometer, also die Zufriedenheit betreffend Verhältnis zwischen Kunde und Agentur, in der Kommunikationsbranche gefühlte antarktische Minuswerte anzeigte – und dies Jahr für Jahr. Was von einigen Agenturkollegen belächelt oder gar argwöhnisch kommentiert wurde, fand bei den Auftraggebern Anklang. Eigentlich hätte ich genau das Gegenteil erwartet. Nun gut, der Fragebogen wurde rege ausgefüllt, meist von CEOs, CMOs oder Werbeleitern, die eine tragende Rolle innerhalb der Projekte und damit innerhalb der Beziehung Kunde-Agentur besitzen. Now guess what:

Liebe Agenturen, der Kunde will euch wirklich nichts Böses! Er sucht einen Partner, der ihn nicht täuscht (!) oder zumindest, will er das Gefühl haben, dass man ihn nicht täuschen will. Der Kunde zeigt sich auch kulant, wenn der Terminkalender eng ist und die Projekte in Bedrängnis kommen könnten, sofern:
– eine offene und zeitlich transparente Kommunikation stattfindet
– die Agenturspielregeln verständlich erklärt werden und v.a. immer wieder in Erinnerung gebracht werden (nach der Awareness-Phase folgt die Consideration-Phase… be top of mind).

Aber liebe Kunden, es herrscht weiterhin der Trend, dass Werbeauftraggeber es unterlassen, ihren Agenturen ein korrektes, schriftliches u.v.a. nach SWA Standard verfasstes Briefing zu geben. Zudem scheinen Abmachungen nicht den AKV-Prinzipien zu folgen, siehe hierzu meinen Artikel.

Welche Regeln haben Sie als Auftraggeber kommuniziert? Halten Sie sich strikte daran oder ändern Sie diese je nach Opportunität?

Interessant scheint die Tatsache, zumindest bei einer Sample Grösse von n=50, also 50 Auftraggeber, dass gar keine Regeln existieren oder zumindest nicht kommuniziert werden. Die Antwort eines Werbeagentur-Besitzers (Anm.: bei den Top 10 Werbeagenturen der Schweiz) auf meine Frage hin, ob er dem Kunden bei der Erarbeitung des Briefings helfe, schockierte mich damals, aber nach der Auswertung der Umfrageergebnisse gar nicht mehr. Schlichtweg: «Nein! Wir arbeiten schon so lange zusammen, dass wir keine Briefings benötigen.»

Hatte ich den Beitrag über das Täuschen erwähnt? Die Referentin bemerkte u.a. «If you’re in an average married couple, you’re going to lie to your spouse in one out of every 10 interactions.». Eine Beziehung bleibt eine Beziehung!

Ich wünsche Ihnen für dieses Jahr, dass Sie in Zukunft ehrlicher zu sich und ihren Mitmenschen seien, auch wenn Ihnen das nicht leicht fällt, denn das Täuschen wurde uns in die Wiege gelegt. Das Lernen mit ENT-Täuschungen umzugehen jedoch leider nicht (Anm.: Präfix „ent-“ mit der Bedeutung „von etwas wegnehmen“, also die Täuschung ist nicht mehr, man ist mit der Realität konfrontiert, in diesem Falle mit der Wahrheit und diese tut bekanntlich weh)!

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